Yama und Niyama

Die ersten zwei  Stufen von Ashtanga Yoga, die Patanjali (indischer Gelehrter, der die Yoga Sutras verfasst hat) beschreibt, sind die grundsätzlichen Moralprinzipien „Yama“ und „Niyama“. Diese Prinzipien können auch als universale und persönliche Moral  bezeichnet werden. „Yama“ ist die Einstellung, die wir zu Menschen und Dingen haben  und „Niyma“ ist die Einstellung zu uns selbst. 

YAMA – soziale Regeln

 Diese 5 Regeln (Selbstbeherrschungen) sollten gemäß den Sutras unaufhörlich - "ohne Rücksicht auf den Ort, die Zeit, den Umstand oder dem sozialen Status ausgeübt werden." 

1. Ahimsa — Gewaltlosigkeit, nicht verletzen 

Das Wort Ahimsa bedeutet (so weit möglich) jedes Wesen in Taten, Worten, Gedanken oder Gefühlen nicht zu verletzen. Ahimsa ist mehr als nur Gewaltlosigkeit. Es bedeutet Güte, Freundlichkeit, Fürsorge und  Rücksicht gegenüber Menschen und Dingen. Es ist die Gelegenheit, Feindschaft und Gereiztheit aufzugeben und stattdessen Raum innerhalb des Bewusstseins für Frieden zu schaffen. 

Ahiṁsā-satya-asteya brahmacarya-aparigrahāḥ yamāḥ 

Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Wahrhaftigkeit (Satya), Nichtstehlen (Asteya), handeln im Bewusstsein eines höheren Ideals (Brahmacharya) und Unbestechlichkeit (Aparigraha), begründet die Achtung gegenüber den Mitmenschen (Yama).  

ahiṁsā-pratiṣṭhāyaṁ tat-sannidhau vairatyāghaḥ

Ist die Gewaltlosigkeit (Ahimsa) einmal beständig, wird im Umkreis jede Feindseligkeit aufgegeben.

2. Satya — Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit 

Satya bedeutet, "die Wahrheit zu sprechen“, doch ist es nicht immer wünschenswert, die Wahrheit bei allen Gelegenheiten zu sagen, weil es jemandem unnötigerweise verletzen könnte. Wir müssen berücksichtigen, was wir sagen, wie wir es sagen, und auf welche Weise es andere betreffen könnte. Wenn die Wahrheit ausgesprochen wird und es dadurch negative Folgen für einen anderen haben könnte, dann ist es besser, nichts zu sagen. Satya sollte nicht im Konflikt mit unseren Bemühungen stehen, Ahimsa zu praktizieren. 

satya-pratiṣthāyaṁ kriyā-phala-āśrayatvam 

Ist Wahrhaftigkeit (Satya) beständig, wird jede Aussage die Basis für ein entsprechendes Resultat sein.  

3. Asteya — Nichtstehlen, Nichtbegehren, Neidlosigkeit, der Verzicht, fremde Dinge besitzen zu wollen bzw. das Loslassen von Streben nach dem Besitz materieller Dinge.  

Steya bedeutet "zu stehlen"; Asteya ist das Gegenteil - nichts zu nehmen, was uns nicht gehört. Nichtdiebstahl schließt nicht nur das Nehmen ohne Erlaubnis ein, sondern auch das Nicht-Verwenden von etwas zu einem anderen Zweck oder festgelegten Zeitrahmen.  „Stehle nicht“, steht in den Sutras, und alle guten Dinge werden zu dir kommen. 

asteya-pratiṣṭhāyāṁ sarvaratn-opasthānam 

Ist Nichtstehlen (Asteya) beständig, wird aller Reichtum vorhanden sein.  

4. Brahmacharya  - Den Grundsatz der Natur nicht zu brechen / Sinneskontrolle Enthaltsamkeit, Freiwerden von Bedürfnissen, Handeln im Bewusstsein Gottes. 

Brahmacharya bedeutet, "im Brahmanen (Heiliger Geist) handelnd". Das bezieht sich auf Verzicht auf weltliche Wünsche (abgesehen von elementaren Bedürfnissen des Körpers) und Wiederherstellung des Bewusstseins zu Gott, zuerst mit dem Verstand und dann mit dem entwickelten Bewusstsein. 

Einige Menschen interpretieren Brahmacharya nur als Zölibat (sexuelle Abstinenz). Aber diese Interpretation ist nicht ausreichend.  Sexuelle Askese ist sogar unnötig vorausgesetzt, dass man körperliche Liebe als eine geistige Tat betrachtet. Das Üben von Brahmacharya bedeutet, dass wir unsere sexuelle Energie dazu verwenden, um die Verbindung zu unserem geistigen Selbst zu regenerieren. Es bedeutet auch, dass wir diese Energie auf keinen Fall verwenden sollen, wenn es anderen schaden könnte. Derjenige, der die Göttlichkeit sucht, ist ein Brahmachāryi. 

brahma-carya pratiṣṭhāyāṁ vīrya-lābhaḥ 

Wird jede Handlung im Bewusstsein eines höheren Ideals ausgeführt (Brahma-Charya), wird große Stärke erlangt.  

5. Aparigraha — Anspruchslosigkeit, Unbestechlichkeit, Abstandnehmen von unnötigen Dingen, Annahme nur von Dingen, die wir wirklich brauchen

Aparigraha bedeutet, nur das zu nehmen, was notwendig ist und keine Situation ausnutzt. Wir sollten nur nehmen, was wir verdient haben; wenn wir mehr nehmen, nutzen wir jemanden anderen aus. Aparigraha bedeutet auch das Loslassen unserer Verhaftungen zu Dingen und das Verstehen, dass Unbeständigkeit und Änderung die einzigen Konstanten sind. 

Durch die Einhaltung von Aparigraha macht der Yogi sein Leben so einfach wie möglich und trainiert seinen Verstand dahingehend, Verluste nicht zu fühlen. Dann wird ihm alles, was er wirklich braucht, zum richtigen Zeitpunkt zufallen.

aparigraha-sthairye janma-kathaṁtā saṁbodhaḥ 

Ist Unbestechlichkeit (Aparigraha) beständig, entsteht Wissen über das Ziel des Erden-Lebens.

 

NIYAMA – persönliche Regeln 

Niyama bedeutet "Regeln" oder "Gesetze". Es sind die persönlichkeitsbezogenen Regeln, die es einzuhalten gilt. Wie die Yamas sind die fünf Niyamas nicht nur Übungen oder  zu studierende Handlungen. Sie beschreiben weit mehr als nur einen Standpunkt. Die Niyamas beziehen sich auf die Einstellung, die wir uns selbst aneignen sollen, um eine Richtlinie für sinnvolles leben zu schaffen. 

Sauca saṁtoṣa tapaḥ svādhyāy-eśvarapraṇidhānāni niyamāḥ 

Reinheit (Saucha), Zufriedenheit (Santosha), Selbstdisziplin (Tapas), Lernen von sich selbst (Svadhyaya) und Annehmen seines Schicksals (Iishvara-Pranidhana), das macht die Achtung vor sich selbst aus (Niyama).  

1. Saucha — Reinheit der Gedanken und des Verstandes/Geistes. 

Das erste Niyama ist Saucha, was Reinheit und Reinlichkeit bedeutet. Saucha hat sowohl einen inneren als auch einen äußerlichen Aspekt. Äußerliche Reinheit bedeutet einfach, uns sauber zu halten. Innere Reinheit hat mit dem gesunden und vollen Funktionieren unserer körperlichen Organe als auch mit der Klarheit unseres Verstandes/Geistes zu tun. Das Üben von Asanas oder Pranayama ist ein wesentliches Mittel, für  inneres Saucha. Asanas tonisieren den kompletten Körper und eliminieren Toxine, während Pranayama die Lungen reinigt, das Blut oxydiert und die Nerven erfrischt. 

śaucāt svāṅga-jugupsā parairasaṁsargaḥ 

Reinheit (Saucha) führt zur Abwendung von der Körperlichkeit und Unberührbarkeit von Äußerlichkeiten. 

2. Santosha — Zufriedenheit   

Ein anderes Niyama ist Santosha, das Bescheidenheit und das Gefühl bedeutet, damit zufrieden zu sein, was wir haben. Santosha bedeutet innerer Friede sowie Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, auch wenn dieses problembeladen und schwierig ist. Es bedeutet auch, damit glücklich zu sein, was wir haben, anstatt darüber unglücklich zu sein, was wir nicht haben. Gemäß den Sutras bringt Zufriedenheit höchstes Glück. 

saṁtoṣāt-anuttamas-sukhalābhaḥ 

Durch Zufriedenheit (Santosha) gewinnt man unübertroffenes Glück. 

3. Tapas – (Hingabe / Dauernde Anstrengung / Disziplinierter Gebrauch unserer Energie)

Willensstärkung, Selbstbeschränkungen, Selbstzucht, körperliche und spirituelle Disziplin. 

Tapas wird als "Selbstbeherrschung", "Anstrengung", oder "inneres Feuer" übersetzt. Wenn Tapas in die Tat umgesetzt wird, erzeugt es Hitze ist, die Unreinheiten verbrennen lässt und den göttlichen Funken in uns entzündet. 

Tapas bedeutet auch eine durch nichts zu hindernde Anstrengung, ein bestimmtes Ziel im Leben zu erreichen. Es schließt Reinigung, Selbstbeherrschung und Disziplin mit ein. Hinter dem Begriff  „Tapas“  verbirgt sich der Weg, der uns zeigt, wie wir unsere Energie leiten können, um enthusiastisch unser Leben zu führen und das ultimative Ziel - die Vereinigung mit dem Göttlichen - erreichen. Tapas hilft uns, alle Begierden ganz zu verbrennen, die dabei  hinderlich sind. Durch Tapas entwickelt der Yogi Kraft im Körper, Verstand/Geist und Charakter. Er gewinnt Mut und Verstand, Integrität, Offenheit und Schlichtheit.

kāyendriya-siddhir-aśuddhi-kṣayāt tapasaḥ 

Durch Selbstdisziplin (Tapa), wird Trübsinn aufgelöst, Körper und Sinne erhalten übernatürliche Kraft.  

4. Svadhyaya — Selbststudium, Bewusstwerden über den Sinn des Lebens 

Das vierte Niyama ist Svādhyāya. Svā bedeutet "selbst' und ādhyāya "Untersuchung" oder "Überprüfung".  Jede Tätigkeit, die selbstreflektierendes Bewusstsein kultiviert, kann als Svādhyāya betrachtet werden. Es bedeutet Ich-Bewusstsein in allen Tätigkeiten und Anstrengungen bis hin zur freudigen Akzeptanz unserer eigenen Einschränkungen. Es lehrt uns in uns selbst zu ruhen und nicht auf Dualitäten zu reagieren und verbrennt selbstzerstörerische Tendenzen.

Dieses Sutra weist darauf hin, dass Svadhyaya zur Vereinigung mit dem Göttlichen führt. 

Ein weiterer Aspekt von Svādhyāya ist die Studie von heiligen Schriften und Texten. Lernen hilft, die Universalität von Lebenserfahrungen zu verstehen und erweitert dadurch das Mitgefühl zu sich selbst und gegenüber anderen. 

svādhyāyād-iṣṭa-devatā saṁprayogaḥ 

Das Lernen von sich selbst (Svadhyaya) bringt Verbindung zum ersehnten Ideal. 

5. Ishvara-Pranidhana — Hingabe an Gott, Gottesvertrauen. 

Dieser Yoga-Sutra besagt, dass Freiheit - das höchste Glück - durch Liebe, Vereinigung und Hingabe an Gott erfolgt. 

Īśvara Pranidhāna bedeutet, "alle Handlungen zu Füßen Gottes zu legen." Es ist das Nachsinnen über Gott, um sich auf den Willen des Göttlichen einzustellen. Es ist das Erkennen, dass das Geistige alles überscheint und durch Bewusstsein und Bedacht  ist es uns möglich, uns als Geschöpfe Gottes zu sehen.  Es ist wichtig, uns jeden Tag Zeit zu nehmen, um zu realisieren, dass es eine allgegenwärtige Kraft gibt, die größer ist als wir selbst, und die uns führt und uns den Weg durchs Leben anzeigt. 

samādhi siddhiḥ-īśvarapraṇidhānāt 

Durch Annehmen seines Schicksals (Ishvara-Pranidhana) entstehen Selbsterkenntnis (Samadhi) und übernatürliche Kräfte (Siddhi).